
Faust, Luther, Melanchthon und die Sternendeuterei
Vom 25.9. bis zum 31.12.1998
Eröffnung mit Autorenlesung: 25.9. um 20 Uhr
Eine Ausstellung von Jürgen G.H. Hoppmann im:
FAUST- MUSEUM UND FAUST- ARCHIV, 75438 KNITTLINGEN, KIRCHPLATZ 2, TELEFON 0 70 43 / 3 73 70 TELEFAX 0 70 43 / 3 73 71, WISS. LTG.: DR. PHIL. HABIL. GÜNTHER MAHAL
Weitere Informationen zum Faust-Museum
stellt die Faust-Stadt Knittlingen zur Verfügung -
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Die weissagende Mantik und die sterndeutende Astrologie haben es stets mit der Zukunft zu tun; sie ziehen den Schleier weg, der das Morgen und Übermorgen verhüllt. Wer es versteht, das Künftige jetzt schon zu enthüllen, der gilt als Prophet. Und als Prophet konnte und kann sogar gelten, wer den Zukunftsssüchtigen und Leichtgläubigen wenigstens den Anschein zu geben vermag, er wisse das Übermorgen zu schauen. Faust, das zeigt sich bei seinem Besuch in Rebdorf 1528, begriff sich als Prophet, und er wurde offenbar auch als ein solcher anerkannt. Er muß sogar als ein Zukunftsdeuter von hohem Rang gegolten haben, sonst wäre er nicht 1520 vom Bamberger Bischof Georg III. als Nativitätenausleger engagiert und fürstlich honoriert worden; Joachim Camerarius (enger Freund von Melanchthon und Luther - Anm. d. Kurators) hätte sich in seinem Brief an Daniel Stibar 1536 nicht so dringend über die Prognosen Fausts erkundigt...
Zudem findet sich unter den zeitgenössischen Quellen, nämlich
im Wettertagebucheintrag des Rebdorfer Priors Kilian Leib vom 5. Juni
1528, eine bisher kaum beachtete Aussage Fausts, die seine
Selbsteinschätzung als Prophet klar zum Ausdruck bringt - wenn
auch der Zusammenhang auf den ersten Blick eher kurios oder gar
unsinnig erscheinen mag. Der erste Satz von Kilian Leibs Eintrag
lautet nämlich:
Georg Fausts helmstet. sagte am 5. Juni 1528: Wenn Sonne und Jupiter im gleichen Grad ein und desselben Tierkreiszeichens sind, dann werden Propheten geboren (solche wie er, wie ich glaube).
Zeigt sich in dem Klammersatz des skeptischen Priors auch viel Distanz zu dem von Faust erhobenen Propheten-Anspruch, der für den geistlichen Herrn den Propheten des Alten Testaments und Johannes dem Täufer vorbehalten war, so bleibt doch dieser Anspruch Fausts bestehen als ein Selbstverständnis, das subjektiv nicht bestritten werden kann und das, zieht man andere zeitgenössische Quellen hinzu, offenbar auch objektiv gerechtfertigt erscheint.
Zitiert aus: Günther Mahal: Faust - Die Spuren
eines geheimnisvollen Lebens, Bern und München 1980
(Die Rekonstruktion des Horoskopes aufgrund der angegebenen Planetenkonstellation und des Georgsfests ist auf dem Faltblatt abgedruckt.)
Philipp Melanchthon, eine zentrale Figur dieser Ausstellung, war
beim eigentlichen Horoskopedeuten nicht besonders treffsicher. Bei
einer Prognose für seine Tochter tippte er sogar reichlich
daneben. Die Faszination von Melanchthons Gestalt liegt in der Art
und Weise, wie er sich als Humanist und Christ zur
Sternenwissenschaft bekannte, sie in Forschung und Lehre an der
Wittenberger Universität Leucorea förderte und Kontakte zu
zahlreichen Kollegen in ganz Europa knüpfte - und auch zur
Mythenbildung um scheinbar gänzlich unwissenschaftliche
Zeitgenossen wie dem des sagenhaften Doktor Faust beitrug.
Was geschah damals eigentlich, vor fast 500 Jahren? Aby Warburg, einer der namhaftesten Kunsthistoriker unseres Jahrhunderts, schilderte es in seinem legendären Aufsatz Heidnisch-antike Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeiten" die Vorgänge ungefähr folgendermaßen:
Ein geheimnisvoller Kreis von sternengläubiger Dunkelmännern rund um Magister Philipp Schwarzerdt, genannt Melanchthon, fälschte das Horoskop des großen Reformators Martin Luther, hintertrieb dessen edle humanistische Ziele, brachte durch geheime Kanäle den Geist der heidnisch-dämonischen Antike in die helle, lichte Humanistenwelt des beginnenden 16. Jahrhunderts. Nergaletir könne sie geheißen haben, jene Verschwörerbande. Magister Philippus, Geheimdiplomat Carion und der päpstliche Astrologe Gauricus sollen gemeinsam Luthers Geburtsdatum derart verdreht haben, daß der Sternenpaß fortan eine Satansgeburt verriet. Nun, für heutige Freunde der Astrologie ist dieses Aussage natürlich unbefriedigend, und man möchte nachhaken. Wie soll man erklären, daß sich in früheren Zeiten so viele bedeutende Gelehrte mit der Astrologie beschäftigt haben? Vielleicht mit Ernst Blochs Begriff der Ungleichzeitigkeit" in der intellektuellen Geschichte?
Raumgestaltung:
Mittendrin im faustischen Zodiakus
Anhand der Bildinterpretation eines berühmten Gemäldes der Reformationszeit wird demonstriert, wie eng sich im 16. Jahrhundert Sternendeutung und Sternenwissenschaft miteinander verknüpften. Nachbauten der gemalten Instrumente der Gestirnsbeorachtung und der Horoskoperstellung sind als dreidimendionale Exponate rund um die Reproduktion gruppiert.
R-01 Tierkreis, auf den Boden gezeichnet, nach Faust-Buch von Marlowe
R-02 Krokodil - nach Willibald Alexis auch in Johann Carions Astrologenstube
R-03 Tischplatte für Asymus Stedelin, Martin Schaffner, 1533
R-04 Die gemeine Landtaffel des Deudschen Landes. Wittenberg, Tilmann Stella von Siegen, 1560. Die Geburts-und Aufenthaltsorte berühmter Astrologen der Reformationszeit sind markiert.
R-05 Drehbare Horoskopscheibe zur Saturnberechnung, Peter Apian, um 1550, Nachbau von Dr. Karl Röttel, Buxheim bei Ingolstadt
R-06 Andreas Cellarius: PLANISPHERIVM PTOLEMAICVM, COPERNICANVM, BRAHEVM ET ALII (8 Drucke, über Kopfhöhe an den Raumwänden verteilt) Amsterdam 1660
Eingangsbereich:
Musik des Weltalls
Für viele ist Hermann Hesses Glasperlenspiel" eine Beschreibung der kosmischen Harmonien, wie sie sich in der Astrologie wiederfinden. Vergegenwärtigen wir uns bei einem Besuch im nahe Knittlingens gelegenen Kloster Maulbronn die Gestalt des Musikmeisters, fahren wir von dort aus weiter zu Johannes Keplers Geburtshaus in Weil der Stadt: Ganz in der Tradition von Faust und Melanchthon suchte jener nach dem auch klanglich hörbaren Mysterium Cosmograficum. Der Planetengong in faustischen" Ton des Pluto lädt die Besucher zum erfahrbaren Klangerlebnis.
E - 01 Röhren-Gongspiel Planetenton Pluto (Cis)
E - 02 Keplers Platonische Körper - Plakat Heinrich-Schütz-Museum
E - 03 Johann Crüger: Synopsis musica, continens rationem constitutiendi & componendi ... Berlin: Kally 1630
E - 43 Epistolae ad Johannes Kepplerum von 1751
Zentralvitrine:
Alles dreht sich um die Sterne
Die Geistesbewegung des Humanismus schöpfte im 15. und 16. Jahrhundert aus alten griechischen Quellen, die sich durch römische und arabische Gelehrte bis hinein die die Zeit des Hochmittelalters erhalten hatten, und erst zu diesem Zeitpunkt in Nordeuropa zu neuer Blüte kamen. Hier wird dargestellt, wie prachtvoll sich Gedanken und Bilder der alten Kosmologie zu Zeiten von Faust, Luther und Melanchthons neu entfalteten.
ZV-01 Atlas Farnese (Neapel, um 150 n.Chr.): Gipsabguß aus der Warburg-Sammlung in Hamburg
ZV-02 Römische Merkur-Statuette 1. Jh. v. Chr.,
Einzelguß-Replik
ZV-03 Griechische Herme. Vorchristlich, Gips-Replik
ZV-04 Zwölf historische Tierkreisbeschreibungen aus der Astronomia Teutsch von 1578
ZV-05 Arabische Tierkreiszeichenmünzen
ZV-06 Tycho Brahes Schloß Uraniborg
ZV-07 Weltglobus, 16. Jh.
ZV-08 Peter Apian: Astronomicus Caesaricus. Ingolstadt, 1540, Faksimile, Gotha 1967
ZV-09 Martin Pegius: Geburtsstundenbuch. Basel 1586. Faksimile, München, 1924
Wandvitrine:
Einheit von Astronomie und Astrologie
Anhand der Bildinterpretation eines berühmten Gemäldes der Reformationszeit wird demonstriert, wie eng sich im 16. Jahrhundert Sternendeutung und Sternenwissenschaft miteinander verknüpften. Nachbauten der gemalten Instrumente der Gestirnsbeobachtung und der Horoskoperstellung sind als dreidimensionale Exponate um die Reproduktion gruppiert. So werden die Feinheiten der Bildkomposition deutlich.
WV-01 Hans Holbein: The Ambassadors. 1533
WV-02 Portrait des Johannes Stoeffler (Lehrer von Melanchthon und Carion) aus seinen Ephemeriden von 1532
WV-03 Johannes Stoefflers Himmelsglobus (wie im Gemälde abgebildet). Justingen 1493
WV-04 Peter Apian: Kauffmanns-Rechnung (wie im Gemälde abgebildet). Ingolstadt, 1527
WV-05 Modell Pastor (wie im Gemälde abgebildet). Genom-Sonnenuhr im Taschenformat
WV-06 Modell Kepler. Klappsonnenuhr
WV-07 Melanchthons Sonnenuhr
WV-08 Ringsonnenuhr Augsburg, 1718
WV-09 Sternwarte Rundetårn, Kopenhagen
WV-10 Nocturnal von 1660, Nachbau
WV-11 Jakobsstab, Nachbau
WV-12 Horoskop der Greenwich-Sternwarte, Fotografie des handschriftlichen Horoskops von Flamsteed
WV-13 Greenwich-Sternwarte - historischer Stich
Großvitrine:
Horoskopie und Glauben
Zentraler Blickfang ist die Büste Philipp Melanchthons. Er vereinigte in sich als Person die Liebe zur Astrologie und zugleich das aufopferungsvolle Streben für die Reformation des Christentums im Sinne Martin Luthers. Folglich ist dessen Portrait rechts abgebildet, dazu ein Gemälde eines guten Freundes dieser beiden Protestanten, des Kurbrandenburgischen Hofastrologen Johann Carion. Astrologie spielte in der Reformationszeit eine bedeutende politische Rolle, und Carion hatte einen prägenden Einfluß. Die heiligen drei Könige, Fotografien aus dem Benediktinerkloster
Niederaltaich und dem Dom zu Havelberg veranschaulischen, wie stark die gemeinsamen Wurzeln von Astrologie und Christentum sind - und daß die Sternendeuterei auch in der katholischen Kirche ihren Platz hatte und hat. Auf den anderen Seite Melanchthons wird die sagenhafte Gestalt des Magiers und Astrologen Johann Faust erinnert - war es doch nicht zuletzt Philippus selbst, der Praeceptor Germaniae, der mit seinen Erzählungen über den gar unchristlichen Dr. Faustus den Teufel an die Wand malte, erste Impulse für eine jahrhundertelange Mythenbildung setzte.
GV-01 J. G. Neumann: Faustbuch,1693. Erstdruck aus cem Archiv des Faust-Museums.
GV-02 Totenschädel. Neuzeitlich, Leihgabe von AKRON / C.F. Frey
GV-03 Christoph von Sichem: Mephistopheles / Ioan Faustus, 1677
GV-04 Leonard Thurneysser: Rezept gegen Zahnweh.
GV-05 Aderlaßmann aus Heinrich Rantzaus Diarium Romanum, 1593
GV-06 Medizinisches Amulett nach Paracelsus, 1540
GV-07 Medizinisch-magisches Amulett-Signum Salomonis. VS..:FIEBER+SCHRECK+ PFENNIG+BEY+SICH+ZV+TRAGEN+. Hexagramm.. In einem Kreis von Tierkeiszeichen befindet sich ein Pentagramm.
GV-08 Franciscus Petrarca: Von der Artzney bayder Glück, des Guten und Widerwärtigen. 1532, Faksimile, Leipzig, 1983
GV-09 Giordano Bruno: Gedächtnisorte und Mondgöttin. Frankfurt, 1591
GV-10 Almut Heer: Philipp Melanchthon. Gipsbüste, Hamburg 1997
GV-11 Christus mit Evangelistenzeichen, St. Nikolai, Stralsund
GV-12 Prämonstratenserkreuz im Dom zu Havelberg
GV-13 Georg Lemberger: Schöpfung. 1540
GV-14 Weissagung Johannis Lichtembergers. Unterricht Doktor Martini Luthers. Wittenberg, 1527
GV-15 Luthers Gebetbuch mit astrologischem Kalenderteil von Erasmus Reinhold. Wittenberg, 1543
GV-16 Astrodial-Horoskopscheibe des Weltuntergangshoroskop von 1527
GV-17 Niederaltaicher Horoskopstein
GV-18 Lithophanie der Straßburger Münsteruhr von 1530
GV-19 Astronomische Uhr im Dom zu Münster
GV-20 Astronomische Uhr in der Marienkirche Rostock
GV-21 Astronomische Uhr in der Nikolaikirche Stralsund
GV-22 Lucas Cranach d. Ä.: Der Sterbende. 1518
GV-23 C. Meyer: Portrait des Huldreich Zwingli. 16. Jh.
GV-24 Leonardo da Vinci: Abendmahl. Mailand, Refektorium Chiesa die Santa Maria della Grazzie. 1497
Seitenvitrine:
Variationen himmlischer Künste
Auf vielfältige Weise wurden im Jahrhundert der Reformation in Nordeuropa bzw. der Renaissance Italiens kosmologische Motive in visuellen Darstellungen verwendet. Welchen gesellschaftlichen Rang die Astrologen und Astronomen selbst innehatten, demonstiert eine Serie von Portraits jener Zeit.
SV - 01 Alabaster-Statuette nach Botticellis Gemälde "Geburt der Venus", Replik, Italien 1997
SV - 02 Sandro Botticelli: Geburt der Venus. Florenz, Ufficien 1482
SV - 03 Caprarola - Palazzo Farnese, Decke des Saales von Mappamondo: Die Tierkreiszeichen.
SV - 04 Ferrara: Palazzo Schiphanoia mit zodiakaler Darstellung der Jahreszeiten
SV - 05 Albrecht Dürer: Maria auf der Mondsichel
SV - 06 Albrecht Dürer: MELENCOLIA I. 1514
SV - 07 Eneo Vico: Schlacht bei Mühlberg
SV - 08 Portrait des Nicolaus Copernicus
SV - 09 Portrait des John Dee
SV - 10 Portrait des Johannes Kepler
SV - 11 Portrait des Lucas Gauricus
SV - 12 Portrait des Hieronymus Cardanus
SV - 13 Portrait des Iacobus Milichius. 1559
SV - 14 Lucas Cranach der Ältere (Schule): Portrait des Johann Carion. 1530
SV - 15 Monogrammist ISI: Portrait des Nicolaus Prugner. 1546
SV - 16 Caspar van der Borcht: Portrait des Landgrafen Wilhelm IV. von Hessen-Kassel mit Tycho Brahe. 1577
SV - 17 Portrait des Jenaer Astronomieprofessors Heinrich Hoffmann. 1619
Für die fachliche Begleitung des
Ausstellungsprojekts im Faust-Museum danke ich Herrn Dr. Günther
Mahal. Es beruht hauptsächlich auf meinen dreijährigen
Studien für die Ausstellung Melanchthons Astrologie - Der
Weg der Sternenwissenschaft zur Zeit von Humanismus und Reformation"
im Reformationsgeschichtlichen Museum Lutherhalle Wittenberg, sowie
auf Konzeptionen, die ich für das 1998 erschienenedes Buch
Astrologie der Reformationszeit,
Clemens-Zerling-Verlag, Berlin, ISBN 9-88468-069-2"
entwickelte. Für die Berechnung der Horoskope, deren grafische
Gestaltung und Umsetzung in historische und moderne Deutungstexte
wurde die Astrosoftware PCA 3.1 ARGUS
verwendet.